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DengbĂȘj
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DengbĂȘj, kurdisch, auch dengbej, dengbij, bezeichnet in den kurdisch besiedelten Regionen im Osten der TĂŒrkei einen professionellen VolksliedsĂ€nger, der nach einer alten epischen Tradition weltliche Lieder ohne instrumentelle Begleitung vortrĂ€gt. Er kann vom çirokbĂȘj, dem GeschichtenerzĂ€hler und vom beytbĂȘj, dem Poeten unterschieden werden. Der strophische Gesang des dengbĂȘj verkörpert eine eigenstĂ€ndige musikalische Gattung innerhalb einer bis in vorislamische Zeit zurĂŒckreichenden, aus Zentralasien stammenden ErzĂ€hltradition, die in der TĂŒrkei und in Aserbaidschan vom aĆık ĂŒberliefert wird. In der nordwestiranischen Provinz KordestÄn heiĂen die professionellen kurdischen Barden lavjebĂȘj. Einige dengbĂȘjĂź stammen aus Armenien. Die EpensĂ€nger lassen sich manchmal von einer Variante der Kurzoboe mey (kurdisch dĂ»dĂ»k, auch qernĂȘte) oder anderen Volksmusikinstrumenten begleiten.
Contents
âą Lieder und Verse
âą Literatur
âą Einzelnachweise
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Mythen und Geschichten
Die Vorfahren der Kurden kamen wohl mit anderen Völkern der indoiranischen Sprachfamilie in vorchristlicher Zeit aus Zentralasien in den Westen des Iranischen Hochlandes. Sprecher des Altkurdischen siedelten einer These zufolge im Gebiet des Zagros-Gebirges, bevor sie nach Anatolien kamen. Die hĂ€ufig behauptete Abstammung der Kurden wahlweise von den Sumerern, Medern, Skythen, UrartĂ€ern oder anderen Völkern, die altorientalische Reiche gegrĂŒndet hatten, lĂ€sst sich nicht belegen. WĂ€hrend es ĂŒber die frĂŒhe Geschichte der Kurden nur vage Vermutungen gibt, liefern detailgenaue Geschichtsmythen eine ĂŒber die Jahrhunderte weitergetragene kulturelle Tradition. Der persische Dichter Firdausi (940â1020) gibt in seinem Versepos SchÄhnÄme eine von vielen Varianten der ErzĂ€hlung des bösartigen Drachenkönigs ZahhÄk wieder, aus dessen Schultern zwei Schlangenköpfe herauswuchsen. Die Schlangen mussten tĂ€glich mit den Gehirnen zweier Kinder gefĂŒttert werden. Anstelle eines der Kinder begann die Bevölkerung, ein Kalb- oder Lamm zu schlachten und dessen Hirn zu opfern. Jeden Tage wurde durch diese TĂ€uschung ein Kind gerettet und heimlich in Sicherheit in die Berge gebracht. So schildert es auch der kurdische Historiker Ćerefhan in seinem 1597 erschienenen Werk Scherefname (Ć araf-nÄma), das die frĂŒheste umfangreiche Quelle zur kurdischen Geschichte darstellt. Aus diesen Jungen und MĂ€dchen ging das fortan als Nomaden umherziehende und in Zelten lebende Volk der Kurden hervor. Bei Firdausi fĂŒhrte der Schmied Kaveh (auch Kawa) mit seiner als Fahne hochgehaltenen SchĂŒrze einen Aufstand gegen den Tyrannen an, um das Volk von diesem grausamen Ritual zu erlösen. Nach der neuzeitlichen kurdischen Version war der Schmied Kawa ein Kurde, dem das letzte seiner drei Kinder geopfert werden sollte, er erschlug Zahhak eigenhĂ€ndig mit seinem Hammer.cite-ref-1[1]
Diese iranische Geschichte vom Aufstand gegen den Tyrannen gehört zu den klassischen Heldenepen, in denen der Kampf zwischen Gut und Böse eine zentrale Rolle spielt und die bisweilen historische Fakten mit Mythen vermischen. Der Mord am Drachenkönig wird auf den 21. MĂ€rz 612 v. Chr. gelegt, als die Meder die assyrische Hauptstadt Ninive eroberten. Der Zeitpunkt ist dazu angetan, Kurden zu Nachfahren der Meder zu erklĂ€ren. Mit dem 21. MĂ€rz beginnt jedes Jahr der Iranische Sonnenkalender, somit wird das Brauchtum im Mythos verankert. An diesem Tag wird das iranisch-kurdische FrĂŒhjahrsfest Nouruz veranstaltet, das ein Symbol fĂŒr die kulturelle EigenstĂ€ndigkeit der Kurden darstellt und dessen öffentliche Feiern in der Republik TĂŒrkei 1923 verboten und erst 1995 wieder zugelassen wurden.
Schmiede verfĂŒgen allgemein ĂŒber besondere, magische FĂ€higkeiten; in mehreren zentralasiatischen Epen ist der mythische Held ein EpensĂ€nger und zugleich Schmied. Der mythische Schmied Kaveh wurde im Kampf fĂŒr ein autonomes Kurdistan zu einer kurdischen Traditionsfigur erhoben und zu einem nationalen Freiheitssymbol aktualisiert.cite-ref-2[2] Der Nouruz- und Meder-Mythos spielt auch im Geschichtsbild der PKK eine zentrale Rolle.cite-ref-3[3] In der beispielhaften Geschichte ist ferner die erlebte Erfahrung einer bedrohten Gruppe enthalten, die sich bei Gefahr in die Berge zurĂŒckzieht und sich dort als ein Stamm der eigenen Herkunft versichert. Auf solchen Legenden bauen sich Genealogien auf.
Ein anderer kurdischer Ursprungsmythos bringt König Salomo mit Geistern (Dschinn) und schönen Jungfrauen in Verbindung. Nach einer weiteren Legende hÀtten sich altarabische StÀmme zerstritten, die einen seien in die Berge gezogen und dort allmÀhlich zu Kurden geworden. Kurden könnten auch von einem DÀmonen abstammen, falls die Geschichte von König Salomo weitergesponnen wird, der einst junge Sklavinnen aus dem Palast warf, die vom DÀmon Djasad aufgenommen wurden und mit ihm die Kurden zeugten.cite-ref-4[4]
Die Epen und Balladen der kurdischen Volksdichtung stehen in einer Tradition, die von Sibirien, Zentralasien und Iran bis nach Anatolien reicht. Heldenepen, die sich auf geschichtliche Ereignisse beziehen, und romantische MĂ€rchen lassen sich hĂ€ufig nicht genau voneinander abgrenzen; beide beinhalten in der gesamten Region Ă€hnliche ErzĂ€hlstrukturen, umgemĂŒnzt und angepasst an die jeweilige kulturelle IdentitĂ€t. Die Vereinnahmung einer ĂŒberregionalen Tradition fĂŒr die eigene Folklore kann in bestimmten FĂ€llen auch fĂŒr politische Propagandazwecke missbraucht werden. RĂŒckbesinnung auf die kulturelle Tradition und ihre Verleugnung auf der anderen Seite sind gegnerische Strategien im selben politischen Kampf.
MĂŒndlich ĂŒberliefert und vorgetragen wurden und werden die Epen in Versform von professionellen BalladensĂ€ngern oder ErzĂ€hlern. Ăberwiegend begleiten sie sich auf einem Saiteninstrument: die tĂŒrkischen aĆıklar auf der Langhalslaute saz, wĂ€hrend in Zentralasien die gezupfte Laute komuz oder die Streichlaute kobys diese Funktion ĂŒbernehmen. Einzig in Kirgisistan gibt es mit dem manaschi einen VolkssĂ€nger, der seine Verse wie der kurdische dengbĂȘj ohne instrumentale Begleitung vortrĂ€gt. Ende des 19. und Anfang 20. Jahrhundert zeichneten die Orientalisten Oskar Manncite-ref-5[5] und Albert Socincite-ref-6[6] kurdische Epen auf.
SÀnger und ErzÀhler
Die kurdischen Namen fĂŒr die Musiker und GeschichtenerzĂ€hler lassen sich infolge regionaler kultureller und sprachlicher Besonderheiten nicht fĂŒr die gesamte Region einheitlich zuordnen. Der VolksliedsĂ€nger dengbĂȘj kann im Rahmen der Tradition eigene Texte verfassen und tritt ohne instrumentale Begleitung solo oder im Wechselgesang, in neuerer musikalischer Form auch unterstĂŒtzt von Volksmusikinstrumenten auf. Die SĂ€nger sollten ein gewisses Alter erreicht haben, damit ihre FĂ€higkeiten anerkannt werden, die ErzĂ€hltradition beherrschen, eigene Texte verfassen können und ĂŒber eine gute Gesangsstimme verfĂŒgen. Letzteres bedeutet, die Stimme sollte fein und hoch, aber dennoch ausreichend krĂ€ftig sein. Die Berufsbezeichnung wird dann gesellschaftlich als Anrede akzeptiert und meist zu einem Bestandteil des Personennamens. Die Musiker arbeiten professionell, es ist ihnen verboten, auf Veranstaltungen Tanzlieder (lawke govende) ohne Entlohnung zu singen.cite-ref-new-groove-dictionary-s-38-7-0[7] Wie bei den tĂŒrkischen aĆıklar gibt es auch einige wenige weibliche dengbĂȘjĂź,cite-ref-8[8] die hĂ€ufig Töchter eines bekannten SĂ€ngers sind.
Die Ausbildung zum SĂ€nger findet informell statt, viele bekamen zunĂ€chst Unterricht von ihrem Vater und wurden spĂ€ter von einem bekannten SĂ€nger (Lehrmeister hoste, tĂŒrkisch usta) als SchĂŒler (Ćagirt) aufgenommen. Dies entspricht dem bis nach Indien bekannten traditionellen Lehrer-SchĂŒler-VerhĂ€ltnis (persisch ustÄd-schÄgird). Wenn es um die spĂ€tere Anerkennung als dengbĂȘj geht, wirkt sich der Unterricht bei einem berĂŒhmten SĂ€nger positiv fĂŒr die Biografie aus. In der Provinz HakkĂąri im Ă€uĂersten SĂŒdosten der TĂŒrkei und der westlich angrenzenden Provinz Ćırnak fĂŒhren SĂ€nger den aus dem Arabischen stammenden Namen Ćair (von ĆaÊżir, âPoetâ). Der Ćair ist ein hochgeschĂ€tzter Mann aus der Region, der aber im Unterschied zum dengbĂȘj ohne Bezahlung auftritt. Zur Gruppe dieser Poeten gehören auch Wanderderwische, die ihre ErzĂ€hlungen mit der Rahmentrommel def begleiten. Die Derwische verfĂŒgen ĂŒber ein eigenes Repertoire aus Heldengeschichten und MĂ€rchen, das sie in Reimversen vortragen, teilweise in der persisch-klassischen Form einer qaáčŁÄ«da (kurdisch qesĂźde). Sie haben die Tendenz, sich als dengbĂȘj zu bezeichnen, weil sie sich damit innerhalb der kurdischen Tradition etablieren können, um ein noch höheres Ansehen zu genieĂen.
Der dengbĂȘj kann vom çirokbĂȘj unterschieden werden, der entweder als GeschichtenerzĂ€hler im allgemeinen Sinn oder je nach Region besonders als MĂ€rchenerzĂ€hler verstanden wird. In Letzterer Funktion unterscheidet sich der çirokbĂȘj vom serhatibĂȘj, der serhati, also geschichtliche ErzĂ€hlungen wiedergibt, die eher als wahr angesehen werden. In bestimmten Regionen gibt es unter den kurdischen Nomaden einen GeschichtenerzĂ€hler, der sich vom serhatibĂȘj abhebt und eine bessere soziale Stellung bekleidet. Dieser qewlbĂȘj trĂ€gt qewl vor, Texte, die eine besondere Bedeutung besitzen.cite-ref-9[9]
StranbĂȘj oder stranvan heiĂen allgemein LiedersĂ€nger, genauer sind es halbprofessionelle SĂ€nger, die in der Tradition der âalten Liederâ stehen und ihre komponierte und getextete Lyrik (stran) instrumental begleiten. Stran kann auf Kurmandschi auch jede Art von Liedern bezeichnet, die Entsprechung auf Sorani, dem zentralkurdischen Dialekt wĂ€re dann goranĂź.cite-ref-turgut-s-111-10-0[10] Die jesidischen SĂ€nger im Nordirak nennen sich ebenfalls stranbej.cite-ref-11[11] Ăstlich des Flusses GroĂer Zab in der TĂŒrkei und im Nordwesten des Iran heiĂen die Poeten lavjebĂȘj. Eine weitere Bezeichnung in der iranischen Provinz KordestÄn ist beytbĂȘj.
Die SĂ€nger waren Teil einer hierarchischen kurdischen Gesellschaft, die bei der ĂŒblichen Lebensweise der halbnomadischen Viehhirten und landlosen Feldarbeiter auf den FĂŒhrer (agha, aga, kurmandschi aáșa) eines Stammes oder den Herrscher (mĂźr) eines mehr oder weniger unabhĂ€ngigen FĂŒrstentums ausgerichtet war. Die Stammesangehörigen verhielten sich gegenĂŒber den mĂ€chtigen aghas im Wesentlichen loyal. Als GroĂgrundbesitzer besaĂen diese sowohl politisch als auch ökonomisch eine fĂŒhrende Position und unter ihrer Patronage konnte sich die Gruppe der professionellen Musiker entwickeln. Einige dengbĂȘj trieb die Armut zu den aghas, wo sie gegen Essen und ein Dach ĂŒber dem Kopf Preislieder zu Ehren ihres UnterstĂŒtzers sangen.
Die literarische Tradition der Kurden wurde ĂŒber die Jahrhunderte fast ausschlieĂlich mĂŒndlich ĂŒberliefert. Das in der TĂŒrkei gesprochene Kurmandschi ist bis heute eine ĂŒberwiegend mĂŒndliche Sprache. Noch in den 1950er Jahren dĂŒrften die meisten Kurden Analphabeten gewesen sein, was eine ErklĂ€rung fĂŒr das hohe gesellschaftliche Ansehen der GeschichtenerzĂ€hler darstellt, die ein bedeutendes kulturelles Erbe bewahren helfen.cite-ref-12[12] In den 1960er Jahren wurde bereits das allmĂ€hliche Verschwinden der dengbĂȘjĂź beklagt. Seit den 1930er Jahren litten dengbĂȘjĂź in StĂ€dten mehr, in abgelegenen Dörfern etwas weniger unter den Repressionen der tĂŒrkischen Behörden, die den öffentlichen Gebrauch der kurdischen Sprache ahndeten. Die Gesangstradition konnte praktisch nur noch auf dem Land erhalten werden. Dennoch gelang es dengbĂȘjĂź bis 1980, sich in den Teestuben von Diyarbakır zu treffen. Der öffentliche Rundfunk sorgte zwar fĂŒr eine weite Verbreitung der bislang nur regional bekannten tĂŒrkischen Volksmusikstile, kurdische Musiksendungen waren jedoch verboten. Nur der in der Kurdenregion empfangbare Radiosender aus Bagdad und seit den 1950er Jahren Radio Eriwan in der armenischen UdSSR strahlten regelmĂ€Ăig von dengbĂȘjĂź gesungene Lieder aus.cite-ref-13[13] Die Sendungen von Radio Eriwan prĂ€sentierten die auf traditionellen Instrumenten gespielte kurdische Musik auf Kurmandschi, wĂ€hrend die von Radio Bagdad und einigen iranischen Rundfunksendern vorgestellten Lieder von arabischer beziehungsweise persischer Musik beeinflusst waren, teilweise in diesen Sprachen gesungen wurden und auch westliche Musikinstrumente zum Einsatz kamen. Radio Eriwan unterschied sich ferner von den anderen Sendern, weil er der einzige war, der kurdische SĂ€ngerinnen vorstellte.cite-ref-14[14]
1991 wurde auf Initiative von StaatsprĂ€sident Turgut Ăzal in einem ersten Schritt zur Liberalisierung und Anerkennung der kurdischen Minderheit das öffentliche Sprach- und Schriftverbot des Kurdischen aufgehoben.cite-ref-15[15] In den 1990er Jahren waren in Istanbul Musikkassetten mit historischen Aufnahmen von kurdischen EpensĂ€ngern zu kaufen.
Der tĂŒrkische Schriftsteller YaĆar Kemal leistete einen wichtigen Beitrag fĂŒr die Bewahrung der dengbĂȘj-Tradition. In seinem Roman Yer Demir Gök Bakır (âEisenerde, Kupferhimmelâ) von 1963 entspricht der dengbĂȘj Evdale ZeynikĂȘ einem der Protagonisten. Auch in spĂ€teren Werken des Schriftstellers tauchen dengbĂȘjĂź auf. Seit 2003 gibt es in Diyarbakır und anderen mehrheitlich kurdischen StĂ€dten im Osten der TĂŒrkei Musikfestivals, auf denen dengbĂȘjĂź auftreten. Mit finanzieller UnterstĂŒtzung durch die EuropĂ€ische Union eröffnete die Stadtverwaltung von Diyarbakır im Mai 2007 das kurdische Kulturzentrum Mala dengbĂȘjan (âHaus der dengbĂȘjĂźâ).cite-ref-16[16]
Alle oben genannten SĂ€nger/ErzĂ€hler sind Teil der âeigenenâ kurdischen Kultur. Im Unterschied zu ihnen gibt es in den tĂŒrkischen Provinzen HakkĂąri und Siirt sowie in einzelnen Regionen im Nordwesten des Iran professionelle oder semiprofessionelle Musiker, die mitrip (auch mitrib) genannt und als eine nicht zum eigenen Stamm gehörende Minderheit betrachtet werden. Charakteristisch fĂŒr die kurdische und andere Gesellschaften der Region ist die Unterscheidung zwischen Stammesangehörigen und auĂerhalb des Stammes stehenden Bevölkerungsgruppen.cite-ref-17[17] Mitrip (von arabisch muáčrib, âeiner, der áčarabÊŸ, also Musik hervorbringtâ) sind musikalische Unterhalter, die umherziehen und fĂŒr Familienfeiern engagiert werden. Sie gelten als mehr oder weniger ethnisch fremd, ihre gesellschaftliche Stellung wird mit der von Zigeunern (karaci, auch qereçi) verglichen.cite-ref-18[18] Weitere regionale Begriffe fĂŒr fremde SĂ€nger, die sich auf einem Instrument begleiten, sind gewende und begzade (von bey, bedeutet ursprĂŒnglich âAdligerâ, auch der Name eines kurdischen Stammes).cite-ref-19[19]
Lieder und Verse
Die Lieder der dengbĂȘjĂź lassen sich in KriegsgesĂ€nge, Liebesgeschichten und MĂ€rchen einteilen. In jedem Fall wird eine Geschichte mit mythologischem oder historischem Hintergrund erzĂ€hlt. Die Lieder sind symbolisch aufgeladen, indem sie auf die alte kurdische Tradition anspielen und eine Vergangenheit konstruieren, aus der ein Nationalbewusstsein hervorgeht und gefestigt wird. Die Liedgattungen sind im Einzelnen:
âą Ćer, ein heroisches Kriegslied, das dem Kampf von groĂen MĂ€nnern gewidmet ist. In assoziativen Bildern werden die heldenhaften Leistungen der als historisch gedachten Figuren heraufbeschworen. Der Vortrag kann eine Stunde oder mehr dauern. Die Lieder schöpfen aus dem allgemein bekannten Mythenfundus, gelegentlich werden in diese Form gekleidete aktuelle Ereignisse verbreitet. In das kaum variierte melodische und rhythmische Muster sind eine unterschiedliche Zahl von langen Strophen eingebunden. Jede beginnt mit einer melismatischen Tonfolge am oberen Ende des Tonumfangs, der hĂ€ufig bis zu eineinhalb Oktaven betrĂ€gt, und endet mit einem langgezogenen tiefen Ton. Andere Melodien umfassen lediglich eine Quarte oder Quinte.
âą EvĂźnĂź ist eine tragische Liebesgeschichte, die ĂŒblicherweise in Gewalt und Tod endet. Das Wort ist von kurdisch evĂźn, âLiebeâ abgeleitet. Auch hier folgt in jeder Strophe auf die anfĂ€nglichen Melismen ein schneller nichtmetrischer Textvortrag, der mit einem langen tiefen Ton abschlieĂt.
âą Ăirok Ă» stran bedeutet âGeschichte mit Liedâ. Der Gang der ErzĂ€hlungen und MĂ€rchen wird in Prosaform gesprochen, darin eingebunden sind gesungene Lieder in metrischen Rhythmen und in gereimten Versen fĂŒr die Hauptfiguren.cite-ref-new-groove-dictionary-s-38-7-1[7]
Nach einer alternativen Unterteilung gibt es stranĂȘ tarĂźqĂźyĂȘ (âgeschichtliche Liederâ), stranĂȘn bengĂźtĂźyĂȘ (âLiebesliederâ) und stranĂȘn ĆĂźnĂȘ (âTrauerliederâ).cite-ref-turgut-s-111-10-1[10] Zu den bekannten ErzĂ€hlungen, die als traditionell kurdisch gelten, gehören Siyabend Ă» XecĂȘ, ferner MemĂȘ Alan (auch Mem Ă» Zin genannt), und Kela Dimdim. Die klassische arabische Liebesgeschichte MadschnĆ«n LailÄ heiĂt in der kurdischen Version Leyla Ă» MecnĂ»n. In der tĂŒrkischen Tradition steht die Geschichte des Helden GoroglĂź (tĂŒrkisch KöroÄlu destanı). Die Dichtung Ăsiv Ă» ZelĂźxe ist ebenfalls bei Arabern und TĂŒrken verbreitet und besitzt einen altiranischen Ursprung.cite-ref-20[20]
Der dengbĂȘj trĂ€gt traditionell seine Lieder solistisch vor,cite-ref-21[21] wobei er von Zurufen unterbrochen werden kann. HĂ€ufig hĂ€lt er sich konzentrationsfördernd eine Hand ans Ohr. Diese Geste ist â weniger charakteristisch â bis nach Zentralasien zu beobachten und ist auch von Ă€gyptischen Volks- und StraĂensĂ€ngern bekannt.cite-ref-22[22] Bereits auf einem Rollsiegel-Abdruck von Tschogha Misch um 3400 v. Chr. im Iran und auf altĂ€gyptischen Wandmalereien kennzeichnete eine seitlich an den Kopf gehaltene Hand den SĂ€nger. Im umayyadischen Palast Qusair ÊżAmra (Jordanien) vom Anfang des 8. Jahrhunderts ist ebenfalls eine solche Darstellung erhalten.cite-ref-23[23]
Manche kurdischen SÀnger gliedern ihre epischen Verse durch ein antiphonales Zwischenspiel der Kurzoboe mey (kurdisch dûdûk)cite-ref-24[24] oder der endgeblasenen kurdischen Hirtenflöte bilûrcite-ref-25[25] im selben geringen Tonumfang.
Ab den 1980er Jahren begann die Verschmelzung der traditionellen epischen Lieder mit einem stĂ€dtischen Volksmusikstil. DengbejĂź lassen sich seither auĂer von den genannten kurdischen Blasinstrumenten auch von der groĂen Rahmentrommel mit Schellenring erbane, der Langhalslaute tembĂ»r (Variante der tanbur) und von nichtkurdischen Instrumenten wie der tĂŒrkischen Langhalslaute saz, der Trichteroboe zurna, der Trapezzither qanun, der arabischen Laute ÊżĆ«d und Trommeln (kurdisch dehol, tĂŒrkisch davul, arabisch áčabl) begleiten. Langsam vorgetragene Melodien klingen oft gedehnt und schwermĂŒtig, Lieder mit mehr Dynamik nĂ€hern sich dem persischen klassischen Gesangsstil an. Zu den SĂ€ngern, die aufgrund ihrer Gesangsausbildung und dem Traditionsbezug ihrer politischen Texte als dengbĂȘj bezeichnet werden, gehören Ćivan Perwer (* 1955), Nizamettin Ariç (* 1956) und XelĂźl XemgĂźn.
Bekannte solistisch auftretende dengbĂȘjĂź sind Evdale ZeynikĂȘ (1800?â1913)cite-ref-26[26], KawĂźs Axa (1889â1938), KarapetĂȘ Xaço (Armenier, * 1902â1908; â 2005), DengbĂȘj Reso (1902â1983),cite-ref-27[27] Ćakiro (Ćakir Deniz; â 1996) und DengbĂȘj Zahiro (* 1950). Zu den wenigen SĂ€ngerinnen gehören Meryem Xan (1909â1949) DengbĂȘj Feleknascite-ref-28[28] und EyĆe Ćan (1938â1996).
Literatur
âą Stephen Blum, Dieter Christensen, Amnon Shiloah: Kurdish Music. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 4. Macmillan Publishers, London 2001, S. 36â41
âą Canser KardaĆ: The Legacy of Sounds in Turkey: ĂĆıks and DengbĂȘjs. In: UlaĆ Ăzdemir, Wendelmoet Hamelink, Martin Greve (Hrsg.): Diversity and Contact among Singer-Poet Traditions in Eastern Anatolia. (Orient-Institut Istanbul: Istanbuler Texte und Studien, Band 40) Ergon Verlag, Baden-Baden 2018, S. 37â52, ISBN 978-3-95650-286-6
âą Lokman Turgut: MĂŒndliche Literatur der Kurden in den Regionen Botan und HekarĂź. Logos, Berlin 2010, ISBN 978-3-8325-2727-3
âą ClĂ©mence Scalbert YĂŒcel: The Invention of a Tradition: Diyarbakırâs DengbĂȘj Project. In: European Journal of Turkish Studies, Nr. 10, 2009
Einzelnachweise
cite-note-11. â Martin Strohmeier, Lale Yalçin-Heckmann: Die Kurden. Geschichte, Politik, Kultur. 3. Auflage, Beck, MĂŒnchen 2010, S. 26f, ISBN 978-3-406-59195-2
cite-note-22. â Lokman Turgut, 2010, S. 38
cite-note-33. â Josef Wiesehöfer: Bergvölker im antiken Nahen Osten: Fremdwahrnehmung und Eigeninteresse. In: Stephan Conermann, Geoffrey Haig (Hrsg.): Die Kurden. Studien zu ihrer Sprache, Geschichte und Kultur. EB-Verlag, Schenefeld 2004, S. 11
cite-note-44. â Zuhdi Al-Dahoodi: Die Kurden. Geschichte, Kultur und Ăberlebenskampf. Umschau, Frankfurt/Main 1987. S. 49â51
cite-note-55. â Oskar Mann: Kurdisch-Persische Forschungen: Die Mundarten der Mukri-Kurden. Ergebnisse einer von 1901 bis 1903 und 1906 bis 1907 in Persien und der asiatischen TĂŒrkei ausgefĂŒhrten Forschungsreise. Abteilung IV, Band 3. Georg Reimer, Berlin 1906â1909
cite-note-66. â Eugen Prym, Albert Socin: Kurdische Sammlungen. ErzĂ€hlungen und Lieder in den Dialekten des Tur Abdin und von Bohtan. 2 Bde., St. Petersburg, 1887â1890
cite-note-new-groove-dictionary-s-38-77. â Stephen Blum, Dieter Christensen, Amnon Shiloah, 2001, S. 38
cite-note-88. â The Wandering Words. Category: Dengbej (Memento vom 7. Februar 2013 im Internet Archive)
cite-note-99. â Lokman Turgut, 2010, S. 29f
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